Schuld Gefühl

»Wir lieben, gewöhnen uns, lieben anders, lieben weniger, und – da ist plötzlich ein Gefühl, die Möglichkeit eines Gefühls, ein Echo aus lange vergangener Zeit, ein seliges Sehnen, und ich frage dich: Bin ich schuld? Ist man schuld an Gefühlen?
Du hättest sicher gesagt: Man muss sich ja nicht darauf einlassen.
Danke. Vielen Dank. Man muss sich nicht darauf einlassen, darauf entgegnete ich, erstens, wie soll das funktionieren, und vor allem zweitens, was nützt es mir? Zu wissen, dass ich eigentlich jemand anderen geliebt hätte, aber mich nicht darauf eingelassen habe und eben bei dir geblieben bin – warum bei dir geblieben bin? Aus Treue? Bedeutet Treue, bei jemandem zu bleiben, auch wenn man ihn nicht mehr liebt? Bedeutet Treue, seine wahren Gefühle zu unterdrücken, damit etwas, was einmal gewesen ist, nach außen hin weiterschimmern darf? Bedeutet Treue, einen Moment seines Lebens zu fotografieren und dieses Bild sein Leben lang anzubeten?«
– Thomas Galvinic, Das Leben der Wünsche

Abgebetet(e)

»Ein Mandarin war in Liebe zu einer Kurtisane entbrannt. “Ich werde Euch angehören, sagte sie, wenn Ihr in meinem Garten, unter meinem Fenster, auf einem Schemel sitzend, hundert Nächte meiner harrend verbracht habt.” Aber in der neunundneunzigsten Nacht erhob sich der Mandarin, nahm seinen Schemel unter den Arm und machte sich davon.«
– Roland Barthes, Fragmente einer Sprache der Liebe

Bei einem Abschied

Lass uns nicht auseinandergehn
Wie Leute,
Die ein schlechtes Geschäft
Gemacht haben.
So nah
Sind wir uns nur gekommen,
Weil wir uns sonst
Nicht erkennen konnten.
Wenn du von Betrug reden willst,
Rede von Selbstbetrug.
Wenn wir etwas verloren haben,
Sind es Illusionen.
Was wir gewonnen haben,
Sind Erfahrungen.
Enttäuscht sind wir nur
Von uns selber.
Dass wir uns trennen,
Liegt daran,
Dass wir ehrlich waren.
Lass uns nicht auseinandergehen,
Als ob wir
Ein schlechtes Geschäft gemacht hätten.
– Heinz Kahlau

Circulus benignus

Daß du bei mir magst weilen,
Wo doch mein Leben dunkel ist
Und draußen Sterne eilen
Und alles voll Gefunkel ist,

Daß du in dem Getriebe
Des Lebens eine Mitte weißt,
Macht dich und deine Liebe
Für mich zum guten Geist.

In meinem Dunkel ahnst du
Den so verborgnen Stern.
Mit deiner Liebe mahnst du
Mich an des Lebens süßen Kern.
– Hermann Hesse