Unschuldslos

»Ich ging zur Tür; ich konnte mein Leben nicht einsetzen, ich konnte nicht mit ihnen lächeln, nie waren Tränen in meinen Augen, nie Feuer in meinem Herzen. Ein Mensch von nirgendwoher, ohne Vergangenheit, ohne Zukunft und ohne Gegenwart. Ich wollte nichts, ich war niemand. Ich ging Schritt für Schritt dem Horizont zu, der immer von mir entwich; die Wassertropfen sprühten auf und sanken wieder hinab, ein Augenblick vernichtete ewig den anderen, meine Hände blieben immer leer. Ein Fremder war ich, ein Toter. Sie waren Menschen, sie lebten. Ich war keiner der Ihren. Ich hatte nichts zu hoffen, ich ging zur Tür hinaus.«
– Simone de Beauvoir, Alle Menschen sind sterblich

unerhört

»…und noch bevor ich ihn gehört habe,
ist er schon wieder erloschen.
Ein stummer Schrei.«

Niemand

Er hat die Ausstrahlung eines Menschen, dem nichts passiert, dem eigentlich noch nie etwas passiert ist. Er ist unsichtbar, niemand fragt ihn nach der Uhrzeit, niemand nach dem Weg, vielleicht aus Angst vor der Berührung mit dem Nichts. Er selbst hat den Mitwirkenden seines Lebens wahrscheinlich selten ins Gesicht gesehen.
Einmal sagte der Mann, an den er mich erinnert, zu mir: »Warum soll ich mich umbringen, solange ich noch Geld habe?«
– Roger Willemsen, Momentum

Lebensraum

»Das fließende Wasser meines Lebens ist auf eine hemmende Schleuse gestoßen: durch diese Unterbrechung staut es sich, fließt zurück, bewegt sich in entgegengesetzten und sich überlappenden Richtungen. Ich befinde mich in einer der unzähligen Pausen der Uhr. Aber die Zeit, die sich anhäuft, schiebt mich voran.«
– José Saramago, Handbuch der Malerei und Kalligraphie

Phänomenal

«…die Depression definiert als psychosomatisches Phänomen, ausgelöst durch die Einsicht in die Sinnlosigkeit des Seins, die dem Sein an sich anhafte, der Sinn des Seins sei das Sein selber und damit sei das Sein prinzipiell nicht auszuhalten…»
– Friedrich Dürrenmatt, Vom Beobachten des Beobachters der Beobachter

Entträumt

»Ich habe viel geträumt. Ich bin es müde, geträumt zu haben, freilich nicht müde zu träumen. Des Träumens wird niemand müde, denn träumen heißt vergessen, und vergessen bedrückt nicht und ist ein Schlaf ohne Träume, in dem wir wach sind. In Träumen habe ich alles erreicht. Ich bin freilich aufgewacht, aber was macht das schon aus?«
– Fernando Pessoa, Das Buch der Unruhe