Glück

Ich könnte mir denken, daß man eines Tages antworten muß. Der gestrenge Richter wird sagen: »Lüge nicht. Es stimmt nicht, daß alles Bitternis war, Enttäuschung und Hoffnungslosigkeit. Glücklich warst du auch. Wenn auch nicht oft, so doch für einen Augenblick. Nenne mir diesen Augenblick.«
Was kann ich dann antworten? Ich werde das Haupt senken, mich hinterm Ohr kratzen und verwirrt vor mich hinsehen. Und meine Antwort: »Ja, ich war glücklich. Ganz sicher war ich auch glücklich. Ich erinnere mich an das Glück, habe seinen Geschmack sogar hier auf der Zunge, den Duft in der Nase, in den Nervenbahnen seine Spannung. Aber wann war es? In der Kindheit? … Nein, die Kindheit war nicht gut, man hat mir viel Leid zugefügt. Im Jünglings-, im Mannesalter? … Die düsten Erinnerungen sind stärker, decken alles zu. Dennoch, wann bin ich denn dann glücklich gewesen? … Jetzt hab’ ich es: in dem Augenblick, der mir so gleichgültig war, daß ich mich nicht einmal mehr daran erinnern kann.«

aus: Sándor Márai, Himmel und Erde

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