generationen

du bist nicht so viel anders als ich, und deshalb muss ich jedes wort mit doppeltem bedacht wählen, um dich damit und mich durch die daraus resultierenden konsequenzen nicht zu verletzen (mein satz ist länger als deiner, weil dich zu verletzen schneller geht als mir die konsequenzen zu verzeihen; das war schon immer so). wir sind beide menschen, die sich immer behaupten mussten, um zu wissen, dass es sie gibt. immer etwas lauter sein, immer etwas zuvorkommender, immer etwas gepflegter, immer etwas mehr als die anderen, weil wir nie reichten. weil wir nie wussten, dass wir eigentlich genug sind. menschen wie wir haben den selbstwert ausgemerzt bekommen, jede auf ihre eigene weise, und gerade deshalb haben wir uns so sehr für das leben entschieden, und wussten damals noch nicht, dass wir nicht geben können, was wir nicht haben. und doch, geben wir alles, was noch da ist, spüren auch, dass wir dadurch immer weniger werden, aber ein bisschen mehr geht doch immer, wenn man nicht gelernt hat, was gesunde maßstäbe sind. wir sehen uns an und wissen, dass wir einander unwillkommene spiegel sind (ich etwas mehr als du, weil ich dir schon länger nicht mehr alles erzähle), aber so etwas wie liebe hält uns weiter zusammen. so etwas wie liebe lässt uns scherben werfen und andere scherben wieder zusammen kleben, aber das bild ist nicht mehr so eindeutig wie früher. deswegen trägt jedes wort so viel gewicht, weil wir uns beide so ähnlich sind, nur spiegelverkehrt. weil uns entgeht, dass es trotz aller ähnlichkeiten zwei verschiedene seiten sind, die jede auf ihre eigene art anders, besonders zu sein, pocht. und wir pochen so heftig, weil uns einmal, bevor das alles geschah, der selbe herzschlag verband.
– Karolina Plachetko