Authentische Nacktheit

Ähnlich wie die Konsumgesellschaft der sechziger Jahre eine Gegenkultur hervorrief, die sich dem Lebensstil verschwenderischen Verbrauchs verweigerte, provozierte auch das Aktdesign der Zeit seine Alternative: eine Fotokunst, die ihre Aufgabe darin sah, sämtliche Regeln der Produktion Schönen Scheins zu mißachten, um dafür Bilder authentischer Nacktheit zu erhalten.
Sie verzichtete daher auf allen inszenatorischen Glamour, wählte ihre Modelle ohne Rücksicht auf modische Normen der Fotogenität und versuchte, Nacktheit fern überkommener Assoziationen schamhafter Scheu und pikanter Erotik als völlig unspektakulären Teil von jedermanns Alltag zu thematisieren.
Die Selbstverständlichkeit des Nacktseins, die man damals im Gefolge der Hippie-Bewegung mit geradezu missionarischem Eifer beschwor, war indes keine ganz neue Idee. Sie gründete nämlich abermals in jenem romantischen Körperverständnis, auf das sich schon die Lebensreformer um 1900 berufen hatten, nach dem Nacktheit der natürliche, weil ursprüngliche Zustand des Menschen ist und das Glücksgefühl paradiesischer Naturverbundenheit vermitteln kann, sofern sie schuldfrei erlebt werden darf.
Trotzdem wurden die fotografischen Ansichten authentischer Nacktheit zunächst als obszön empfunden, da solche Ansichten zwar vom Nudismus seit der Jahrhundertwende unablässig propagiert, aber von der breiten Öffentlichkeit unter dem Druck bürgerlichen Moralempfindens ebenso hartnäckig verdrängt worden waren.
Außerdem zeigte die Fotokunst der sechziger Jahre den Körper – abweichend von der nudistischen Ästhetik – ohne Korrektur all der kleinen physischen Mängel und Haltungsschäden, die er sich im Verlauf zivilisierten Lebens erwirbt und deren jeweils erworbene Mischung ihm eine unverwechselbare Individualität verleihen. Was zugleich einen radikalen Bruch mit der Ästhetik des modernen Aktfotos darstellte, das den Körper seit den zwanziger Jahren als anonymes Ensemble in sich harmonischer Naturformen behandelt hatte.
Denn im Gegensatz zu dieser formalistischen Sehweise versteht der zeitgenössische Fotokünstler das Aktfoto nicht länger als Ansicht eines nackten Körpers, sondern einer nackten Person – als tendenzielles oder ausgesprochenes Aktporträt mit einem Wort.
Nach der ersten, puristischen Phase, in der die Wahl der Inszenierungsmittel bewußt auf kurios wirkende beschränkt blieb, hat sich auch der Fotokunst-Akt gegen Ende der siebziger Jahre mit dem Farbfilm und verschönernder Lichtregie – bis dahin Merkmale des Aktdesigns – eingelassen, ohne dabei freilich seinem Hauptzug, dem Porträtcharakter, untreu zu werden. Und da dem männlichen Akt fast dieselbe Aufmerksamkeit zukommen ließ wie dem weiblichen, kann man mittlerweile interessante Vergleiche Anstellen: Wie verschieden nämlich sehen heute Fotografen Frauen, und dann Männer; und wie verschieden Fotografinnen Männer, und dann Frauen; und wie verschieden schließlich, im Selbstportrait, Fotografen beiderlei Geschlechts die eigene Person?
Auf den ersten Blick scheinen hier keine großen Unterschiede zu bestehen, da beide – Fotografen wie Fotografinnen – Männer und Frauen sowohl in authentischer als auch erotisch stilisierter Nacktheit zeigen können. Doch dann fällt auf, daß die Fotografen insgesamt mehr zur geschönten, erotisierenden Inszenierung neigen – und die Fotografinnen mehr zur ungeschönten, authentischen, wobei diese Neigung wohl mit der Forderung des Feminismus der siebziger Jahre nach Überwindung patriarchalischer Denk- und Sehweisen zusammenhängt, der sich die Mehrzahl von ihnen verpflichtet fühlt.

Auszugsweise aus: Ansichten vom Körper. Das Aktfoto 1840 - 1985, Michael Köhler, 1986